Wettlauf um die Industrie der Zukunft: Wie Automatisierung Deutschland vor einer drohenden Deindustrialisierung retten kann

Februar 2025 / 8 Min. Lesezeit / PDF

Die Bundestagswahl ist geschafft - nun gilt es für die neue Bundesregierung, die Ärmel hochzukrempeln und den Wirtschaftsstandort Deutschland fit für die Zukunft zu machen. Denn all die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte - ein starker Sozialstaat, flächendeckende Gesundheitsversorgung und ein stabiler Arbeitsmarkt - stehen in Teilen auf dem Spiel, wenn die Deindustrialisierung weiter voranschreitet.

Das Wort „Deindustrialisierung“ mag für manche übertrieben klingen. Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft haben bereits mehr als 50 % der mittelständischen Industrieunternehmen in Deutschland begonnen, Teile ihrer Produktion ins Ausland zu verlagern oder Kapazitäten außerhalb Deutschlands aufzubauen.1

Der Hauptgrund? Steigende Energiekosten, wachsender internationaler Konkurrenzdruck und fehlende Planungssicherheit. Die Industrie macht rund 23 % der Bruttowertschöpfung aus - sie ist das wirtschaftliche Rückgrat Deutschlands. Die zentrale Frage lautet: Wie kann Deutschland seine industrielle Basis erhalten und die Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen?

Globale Trends und geopolitische Hintergründe

Energiepreise als Standortfaktor

~19,8
ct/kWh Industriestrom Deutschland (25% über EU-Schnitt)2
7-9
ct/kWh Industriestrom USA (via Fracking)3
<8
ct/kWh Industriestrom China4

Aggressive US-Industriepolitik

Die USA haben mit dem CHIPS and Science Act (280 Mrd. USD für heimische Halbleiterproduktion) und dem Inflation Reduction Act (IRA) massive Steueranreize für grüne Industrien geschaffen.5 Diese Programme ziehen Investitionen aus aller Welt an - auch aus Europa.

Demografischer Wandel

Deutschland droht bis 2035 ein Mangel von über 7 Millionen Arbeitskräften.6 Gleichzeitig steigen die Löhne in ehemaligen Niedriglohnländern (z.B. China: ~10 % jährlich), was Offshoring weniger attraktiv macht.

Automatisierungsmarkt

$177 Mrd.
Globaler Automatisierungsmarkt 20217
$442 Mrd.
Prognostiziert für 2030 (~8,8% CAGR)

Deutschlands Herausforderungen und Chancen

Doch welche Faktoren haben zu dieser Entwicklung geführt?

Industriestrompreise in Europa

Cent/kWh / 2024 - Hover für Details
Abbildung 1: Europaweiter Industriestromvergleich (2024)
01

Hohe Energiekosten

Industriestrompreise deutlich über EU-Durchschnitt, was die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt.8

02

Fachkräftemangel

Weniger junge Menschen in MINT-Fächern, erfahrene Arbeitskräfte gehen in Rente.9

03

Bürokratische Hürden

Komplexe Regulierungen, langsame Genehmigungsverfahren, häufige regulatorische Änderungen. 78% der VDMA-Mitgliedsunternehmen nennen Regulierungsverzögerungen als großes Investitionshindernis.11

Verbleibende Stärken

F&E-Basis

Starke Forschungs- und Entwicklungsbasis im Maschinenbau und in der Automatisierungstechnik.10

Institutionen

Stabile demokratische Institutionen mit langfristiger Planungssicherheit.

Ausbildung

Duales Berufsausbildungssystem und renommierte Universitäten.

Innovationscluster

Initiativen wie Silicon Saxony demonstrieren effektive standortbasierte Förderung.12

STIHL kündigte die teilweise Produktionsverlagerung in die Schweiz an - nicht wegen niedrigerer Löhne (Schweizer Löhne sind ~10% höher), sondern wegen schnellerer, weniger bürokratischer Genehmigungsverfahren.

Automatisierung als Schlüssel

Automatisierung von Produktionsprozessen wird die geopolitische Machtverteilung verändern - indem sie traditionelle Vorteile wie niedrige Arbeitskosten entwertet und westlichen Nationen ermöglicht, Produktion zu sichern und zurückzuholen.

Investitionskosten und ROI

Erstinvestitionen: Hunderttausende bis Millionen Euro. ROI-Quellen: Arbeitseinsparungen, Abfallreduzierung, Energieeffizienz. Standard-Automatisierung amortisiert sich typischerweise in 2-4 Jahren; komplexe Systeme benötigen länger.

Branchenvergleich: Automatisierungspotenzial

Hohe Stückzahlen

Automobil, Elektronik: Hoher Automatisierungsgrad, standardisierte Roboter. Beispiele: Tesla Gigafactories, Bosch.

Flexible Serienfertigung

Maschinenbau, Pharma: Modulare Systeme, digitale Zwillinge. Anpassbare Produktionslinien.

Hochindividuell

Sondermaschinenbau, Medizintechnik: Kollaborative Roboter (Cobots). Mensch-Maschine-Zusammenarbeit.

KMU-Besonderheiten

Teilautomatisierung via Cobots oder cloudbasierte Steuerungssysteme. Barrieren: fehlendes Wartungspersonal, lange Amortisationszeiten.

Politische Rahmenbedingungen

01

Steueranreize und Investitionsförderung

Deutschland fehlen vergleichbare Programme zum US CHIPS Act. Empfehlungen: Beschleunigte Abschreibung für Automatisierungsinvestitionen, steuerbasierte Forschungsanreize für KI-getriebene Automatisierung, gezielte Digitalisierungsfonds für den Mittelstand.

02

Bürokratieabbau

Verbindliche Fristen für Genehmigungsverfahren, digitale Verwaltungsprozesse, spezialisierte Industrie-Ansprechpartner in Behörden.

03

Forschung und Technologietransfer

Deutschland hat führende Robotik- und KI-Forschungsinstitute, aber der Transfer in die Industrie ist zu langsam. Bessere Vernetzung Forschung-Industrie, Cluster-Förderung für Automatisierung und KI.12

04

Energiepolitik

Deutscher Industriestrom: ~17,99 ct/kWh vs. deutlich weniger in USA und China.13 Notwendig: Langfristig stabile Industriestrompreise, Förderung von Speichertechnologien, Direktverträge zwischen Industrie und Stromerzeugern.

05

Europäische Zusammenarbeit

Europäische Industriefonds für Automatisierung und KI-Schlüsseltechnologien, EU-weite Handelsabkommen für Technologietransfer, Harmonisierung der Investitionsanreize.14

Fazit

Automatisierung und Digitalisierung sind essenziell, um Deutschlands Produktionsbasis zu sichern. Über die Wettbewerbsfähigkeit hinaus geht es um Souveränität - die Kontrolle strategischer Industrien wie Halbleiter reduziert die Abhängigkeit von autoritären Regimen und ermöglicht es Deutschland, globale Standards in Umwelt-, Arbeits- und Menschenrechtsfragen mitzugestalten.

Die Frage ist nicht ob Deutschland automatisiert, sondern ob es schnell genug geschieht, um nicht hinter die USA und China zurückzufallen.

Quellenverzeichnis

  1. Schaefer, T. - Institut der deutschen Wirtschaft Köln, 2016
  2. Statista - Industriestrompreisentwicklung in Deutschland seit 1995
  3. Statista - Monatlicher Strompreis, Industriesektor, USA
  4. Statista - Energieinvestitionen in China
  5. McKinsey & Company - "The CHIPS and Science Act: Here's what's in it," Oct. 2022
  6. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) - Nettozuwanderung von 400.000/Jahr nötig
  7. Spherical Insights & Consulting - Industrial Automation Market Size forecast 2021-2030
  8. BMWK - "Energiekosten in Deutschland: Fakten und Hintergründe," 2023
  9. DIHK - "Fachkräftemangel in Deutschland," 2023
  10. Institut der deutschen Wirtschaft (IW) - "Automatisierung in Deutschland," 2023
  11. VDMA - "Bürokratie und Regulierungen verärgern die Unternehmen," 2023
  12. BMBF - "Innovationscluster in Deutschland," 2023
  13. SMARD - Industriestrompreise in Deutschland
  14. European Commission - "Europäische Industriepolitik: Strategien und Maßnahmen," 2023
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